Zum Inhalt

Mittlere Praxis (6–20 Personen)

KBV-Anforderungen für mittlere Praxen

Was sich für mittlere Praxen ändert

Eine mittlere Praxis mit 6-20 Mitarbeitern hat eine komplexere Infrastruktur. Sie hat vielleicht mehrere Ärzte, spezialisierte Funktionen (Abrechnung, Verwaltung, Empfang), möglicherweise vernetzte Medizingeräte. Dies erfordert zusätzliche Kontrollen.

Alle Anforderungen der kleinen Praxis gelten weiterhin – plus folgende zusätzliche Anforderungen:

1. Netzwerk-Segmentierung

Anforderung: Das Praxis-Netzwerk muss in logische Bereiche aufgeteilt sein – Medizingeräte-Netz, Praxis-IT-Netz, möglicherweise Gast-WLAN.

Was konkret zu tun ist: - Das Netzwerk physisch oder logisch aufteilen in: - Medizingeräte-Netz (Röntgen, Labor, etc.) - PVS-Netz (Patientenverwaltung und -daten) - Gast-WLAN (getrennt vom Praxis-Netz) - TI-Konnektor-Netz (optional aber sauberer) - Eine Firewall regelt die Kommunikation zwischen den Netzen - Dokumentation: Netzwerk-Diagramm mit VLAN-Aufteilung

Praktisch: Das ist ein Projekt für einen IT-Dienstleister. Der Aufwand liegt bei 1-2 Tagen, die Kosten bei 1500-3000 Euro. Siehe auch Kapitel "Netzsegmentierung" in Teil 6.

2. Formale IT-Sicherheitsrichtlinie (schriftlich)

Anforderung: Die Praxis muss eine schriftliche, eigene IT-Sicherheitsrichtlinie haben – nicht nur die KBV-Richtlinie, sondern eine praxis-spezifische Policy.

Was konkret zu tun ist: - Ein Dokument "IT-Sicherheitsrichtlinie der Praxis" erstellen, das enthält: - Grundsätze des Umgangs mit Patientendaten - Passwort-Policy (wie lang, wie oft wechseln, etc.) - Umgang mit mobilen Geräten (BYOD) - Verschlüsselung von Daten - Incident Response (was tun bei einem Sicherheitsvorfall?) - Verantwortlichkeiten (wer ist IT-Verantwortlicher?) - Das Dokument muss unterschrieben sein (vom Praxisinhaber oder Geschäftsführer) - Alle Mitarbeiter müssen es lesen und bestätigen

Praktisch: Die KBV stellt Muster zur Verfügung. Eine Praxis-spezifische Policy ist keine Raketenwissenschaft – es ist eine 3-5 seitige Zusammenfassung der Regeln. 1 Tag Arbeit mit externer Unterstützung.

3. Erweiterte Zugriffskontrollen

Anforderung: Nicht alle Mitarbeiter dürfen alles sehen. Zugriffe müssen rollenbasiert sein und dokumentiert.

Was konkret zu tun ist: - Im PVS: Rollen definieren und Zugriffsrechte danach zuweisen - Ärzte: voller Zugriff auf Patientenakten - MFA: Zugriff auf Terminverwaltung, begrenzte Patienten-Einsicht - Abrechnungsbeauftragte: Zugriff nur auf Abrechnung, kein klinischer Zugriff - Audit-Logs: Das PVS muss dokumentieren, wer wann auf welche Patientenakte zugegriffen hat - Überprüfung: Mindestens jährlich überprüfen: Hat jeder noch die Rechte, die er braucht?

Praktisch: Die meisten PVS-Systeme können das. Mit dem PVS-Hersteller klären: Wie richten wir Rollen ein? Wie exportieren wir Audit-Logs?

4. Protokollierung von Zugriffen

Anforderung: Es muss protokolliert werden, wer auf Patientendaten zugegriffen hat und wann.

Was konkret zu tun ist: - Das PVS muss Zugriffsgrupen speichern (Audit-Log) - Mindestens folgende Informationen: Wer (Benutzer), Was (welche Patientenakte), Wann (Datum/Uhrzeit) - Diese Logs müssen mindestens für 30 Tage aufbewahrt werden - Ungewöhnliche Zugriffe sollten überprüft werden (z.B. warum hat die MFA Zugriff auf eine Patientenakte, die nicht in ihrem Terminplan war?)

Praktisch: Das ist meist eine integrierte Funktion des PVS. Mit dem Hersteller klären, wo die Logs sind und wie oft sie überprüft werden.


Was sich konkret ändert gegenüber kleine Praxen

Klein: Eine Praxis, ein Arzt, alles auf einem Netz Mittel: Mehrere Ärzte/Mitarbeiter, spezialisierte Funktionen, Medizingeräte – braucht Struktur

Die praktischen Unterschiede:

Anforderung Kleine Praxis Mittlere Praxis
Netzwerk-Struktur Einfach, alles auf einem Netz Segmentiert (VLANs)
Benutzer-Rollen Einfach (Arzt, MFA, Verwaltung) Detailliert (verschiedene Rollen für verschiedene Funktionen)
Zugriffsprotokollierung Minimal Regelmaßig überprüft
Dokumentation Basis-Anforderungen Formale Richtlinien
IT-Governance Ad-hoc Strukturiert mit Verantwortlichkeiten

Praktische Umsetzungs-Schritte

  1. Audit (2 Tage): Mit IT-Dienstleister: Wo stehen wir? Was fehlt?
  2. Netzwerk-Design (1 Tag): Segmentierung planen
  3. Policies schreiben (1-2 Tage): Mit externem Berater oder Muster-Dokumente anpassen
  4. Netzwerk-Umbau (2-5 Tage): Hardware, VLANs, Firewall-Regeln
  5. Konfiguration PVS (2 Tage): Rollen, Zugriffsrechte, Audit-Logs
  6. Schulung (4 Stunden): Alle Mitarbeiter einweisen
  7. Jährliche Überprüfung (1 Tag/Jahr): Audit-Logs überprüfen, Rollen validieren

Kosten: 3000-8000 Euro (abhängig von externem Dienstleister und Hardware-Bedarf)


Checkliste: KBV-Anforderungen mittlere Praxen

  • Alle Anforderungen der kleinen Praxis sind erfüllt.
  • Das Netzwerk ist segmentiert (Medizin, PVS, Gast-WLAN, ggf. TI).
  • Ein Netzwerk-Diagramm mit VLAN-Aufteilung liegt vor.
  • Eine formale IT-Sicherheitsrichtlinie (schriftlich, unterschrieben) liegt vor.
  • Alle Mitarbeiter haben die Richtlinie gelesen und bestätigt.
  • Benutzer-Rollen sind im PVS konfiguriert und dokumentiert.
  • Nicht alle Mitarbeiter haben Zugriff auf alle Patientenakten.
  • Das PVS speichert Audit-Logs (Wer, Was, Wann).
  • Audit-Logs werden mindestens monatlich überprüft.
  • Es gibt einen IT-Sicherheitsverantwortlichen (oder dedizierter Kontakt zum IT-Dienstleister).